Hinge Health 1

Die beiden Gründer Daniel Perez (links) und Gabriel Mecklenburg sowie ein Lego-Männchen

Der Rücken schmerzt? Das Knie knackt? Viele Menschen leiden unter Schmerzen, die ihre Muskeln oder Gelenke betreffen. Laut der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz gehören sie sogar zu den „häufigsten arbeitsbedingten Erkrankungen“. 

Bei diesen sogenannten Muskel- und Skeletterkrankungen will ein Startup aus dem Silicon Valley helfen. Die Idee: Mit einem zwölfwöchigen Programm, das unter anderem aus körperlichen Übungen und Tipps für einen gesünderen Lebensstil besteht, soll Hinge Health Patienten dabei helfen, wiederkehrende Schmerzen einzudämmen oder besser mit ihnen klarzukommen. Neben den Nutzern soll das Programm auch den Versicherern Zeit und Geld sparen. 

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Doch kann man mit Technologie wirklich Abhilfe bei chronischen Schmerzen schaffen? Skype-Gründer Niklas Zennström glaubt schon – er hat vor wenigen Wochen mit seiner VC-Firma Atomico in das Startup investiert. Insgesamt gab es acht Millionen US-Dollar in der Finanzierungsrunde, an der noch andere Investoren beteiligt waren. Im Interview erzählt der in Deutschland aufgewachsene Mecklenburg nun, was hinter dem Programm von Hinge Health steckt und was die beiden mit dem Geld vorhaben.

Gabriel, wie genau wollt Ihr kranken Menschen mit Hinge Health helfen?

Das Programm besteht aus Coaching und Patientenaufklärung, also wie sich der Lifestyle auf Krankheiten auswirkt. Dazu kommen noch die Übungen, für die wir Wearables mit Sensoren haben. Es ist also eine Mischung aus Patientenaufklärung, regelmäßiger Bewegungstherapie und Behandlung der psychischen Gesundheit, besonders bei chronischen Krankheiten. 

Wer braucht Eure Anwendung?

50 Prozent aller Erwachsenen haben jedes Jahr Gelenk- oder Rückenschmerzen. Für das Gesundheitssystem ist das extrem teuer, in den USA ist es ungefähr ein Sechstel aller Kosten des Gesundheitswesen. Wir können Behandlungen, von denen wir wissen, das sie funktionieren, sehr viel leichter im großen Maßstab liefern. Anstatt mehrmals die Woche zum Physiotherapeuten zu gehen, kann der Nutzer die Behandlung von Zuhause durch Apps und Wearables in Anspruch nehmen.

Woher habt Ihr das Wissen, solche Programme aufzubauen?

Wir haben einige klinische Berater wie Chirurgen oder Physiotherapeuten und uns in akademische Literatur eingearbeitet. Man weiß seit Jahrzehnten, was diese chronischen Patienten brauchen. Daher haben wir uns überlegt, wie wir Technologie einsetzen können, um diese bewiesenen Behandlungen an die Patienten zu liefern.

Was für Qualifikationen haben Eure sogenannten Health-Coaches, die Patienten digital durch das Programm begleiten?

Ihre Arbeit ist es nicht, medizinischen Rat zu geben, sondern die Leute zu motivieren. Manche haben einen naturwissenschaftlichen Hintergrund, manche kommen aus dem Gesundheitswesen oder haben eine formelle Ausbildung als Health-Coach. Wir bringen ihnen vorab intensiv verschiedene Fähigkeiten bei, wie motivierendes Interviewen.

Anfang 2016 seid Ihr von London nach San Francisco umgezogen. Warum?

Der primäre Grund war, dass unsere Seedinvestoren dort angesiedelt waren. Wir sind mit dem Großteil des Teams umgezogen, ein Teil sitzt aber noch in London. San Francisco ist für Digital Health wie Venedig während der Renaissance. Hier passt einfach alles. Man hat ein unglaubliches Netzwerk mit fast allen der besten Firmen in dem Bereich, gute potentielle Mitarbeiter und aktive Investoren. Es gibt natürlich auch Schwierigkeiten, gerade was Kosten und Rekrutieren angeht. Deshalb haben wir auch noch einen Teil des Teams in London, besonders die Software-Ingenieure.

Das lückenhafte Gesundheitssystem in den USA, wo nicht alle Bürger einen Versicherungsschutz genießen, bringt Euch sicherlich viele Kunden.

Ja, genau. Unsere Kunden saßen auch schon vorher in den USA, wir hatten noch nie einen Kunden in England oder Europa. Der Grund dafür ist, dass wir das Produkt nicht direkt an Konsumenten, sondern an Firmen verkaufen. In den USA sind viele große Firmen die Krankenversicherung für ihre Angestellten und tragen das ganze Risiko, was die Kosten für die Angestellten angeht. Das heißt: Statt an eine der großen Krankenversicherungen in Deutschland oder die NHS in England verkaufen zu müssen, haben wir tausende kleinere Kunden hier in den USA.

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Es ist bestimmt auch einfacher, einen Deal mit solchen Kunden auszuhandeln.

Genau. Hinzu kommt noch, dass das Gesundheitswesen in den USA so teuer und nicht sehr effizient ist. Da können unsere Kunden mit uns einfach mehr Geld sparen.

Vor wenigen Wochen konntet Ihr acht Millionen Dollar von Investoren wie Atomico einsammeln. Was macht Ihr mit dem Geld?

Jetzt da wir mit unserem Produkt einen robusten Product-Market-Fit haben, geht’s wirklich ums Skalieren. Wir wollen in den nächsten zwölf bis 18 Monaten etwa 10.000 Patienten im Programm aufnehmen. Jetzt sind wir bei 1.000. Außerdem wollen wir unser Portfolio erweitern. Im Moment fokussieren wir uns auf chronische Knie- und Rückenschmerzen, wir wollen dann noch Hüften-, Schulter- und Nackenschmerzen abdecken. Wir wollen auch unser Team in London und San Francisco vergrößern.

Wie finanziert Ihr Euch abgesehen von Risikokapital?

Der Arbeitgeber bezahlt uns einmalig ungefähr 1.000 Dollar pro Patient, der das Programm durchläuft. Nach den zwölf Wochen ist dann ein Abo möglich.

Danke für das Gespräch, Gabriel!

Bild: Hinge Health